Skitourenwoche Ötztal

Skitourenwoche Ötztal 22.-28.03.2026

Aussen und Innen

Es gibt immer ein Aussen und ein Innen, so wie Hardware und Software.

Das Aussen könnt ihr im Bericht vom wunderbaren Organisator, Urs Müller, lesen. Das sind all die messbaren Dinge: Der Tagesplan, wann wir wo waren, auf welcher Route, Zeiten, Temperaturen, Höhen und Namen der Gipfel und als Beweis sogar perfekte Fotos dazu.

Ich berichte euch vom Innen, von Faktoren, die kaum messbar oder voraussehbar sind, von flüchtigen Zuständen, von menschlichem und von zum Teil in die Seele geschautes.

Davon, wie eine Gruppe tickt, wenn es unter minus 14 Grad hat samt Wind mit Stärke 70 km/h, oder der rutschige Grat nicht aufhören will und es die Geschichte vom Umkehren ganz nah beim geplanten Übergang gibt. Oder welche Emotion grad abgeht, wenn im steilen, warm besonnten Hang die Schweisstropfen fliessen und der Schuh unerbittlich giert, bei jedem Schritt?

Am Sonntag, dem Reisetag und mit Lift kommen wir bequem zur ersten Hütte. Der lustige, unbeschwerte Hüttenwart meint, der geplante Schalfkogel sei abgeblasen, die Karlesspitze würde sich anbieten: «Kleine Gratwanderung, passt.» War er je im Winter oben? Nach sonnigem Aufstieg schon etwas schwitzend und pustend binden wir die Skier auf. Der Grat ist nicht gespurt, wir wälzen uns hoch über rutschige und teils schneebedeckte Steine, manchmal ein Schritt vor und wieder zwei zurück. Der Blick wandert und du meinst, du bist oben, da folgt die zweite, die dritte Krete und links und rechts geht es steil runter. Höchste Konzentration in zwei Seilschaften und Vorspurer, die sich wechseln. Für einige Stress- und Ausdauertest und höre ich richtig? Fluchwörter über Lippen, wo sonst absolute Beherrschtheit gilt. Endlich oben. Doch nun erwartet uns eine tiefe Schicht Schneepampe vom Besten. Puddingbeine nach drei Schwüngen. Und wie oft nach solchen Prüfungen und Anstrengungen plappern alle etwas aufgekratzt und stolz auf die Leistung in der wohligen Hütte mit dem lustigen österreichischen Charme.

Über Pulverschneeabfahrten und herrliche 360°-Aussichten gibt es genug Berichte, eine Leichtigkeit und Glücksgefühle schleichen sich über die Seele. So am nächsten Tag auf dem Similaun. Und dies wiederholt sich, steigernd, ja 10-fach, am letzten Tag dieser Woche… Der einzige Wermutstropfen ist die starke Erkältung von Urs.

Dass das Programm angepasst wird spricht für die Professionalität des Bergführers. Planen kann man alles, abschminken auch. Heute spielen ganz fest der Faktor Wetter und der Faktor Mensch mit. So kann der direkte Weg zur nächsten Hütte zum Abenteuer werden. In der gut zusammengeschweissten Gruppe sind wir uns einig: Niemand wäre am Donnerstag aus der Hütte der schönen Aussicht weggegangen. Wir lassen definitiv die Komfortzone hinter uns. Der Nordwind bläst dich mit 70 Stundenkilometer fast rückwärts, der Schnee stiebt in alle Ritzen und die Temperatur minus 14 Grad. Der Gruppendruck spielt, denn Heinz erklärt uns ruhig, dass, wenn es gar nicht gehen würde, wir umkehren könnten, wie die Gruppe vor uns (mit weissen Flecken im Gesicht). Wir packen uns ein, alle Lagen übereinander, Tuch übers Gesicht und dann Gänsemarsch. «All Pott» stoppt der Bergführer, schaut jedem ins Gesicht: «Geht es?» So fühlst du dich sicher. Der Wind beruhigt sich leicht und dennoch: Statt fahren ist es eher ein Runterstossen und -gehen. Unsere Vorstellungen von diesem Tag waren viel, viel schlimmer. In meinem Kopf jedenfalls. Ich sah uns schon die Schneehöhle bauen, den Biwaksack über den Füssen, uns einschneien lassen und Erfrierungen zu haben. Nichts davon tritt ein. Wir sind sicher ins Hospiz gekommen und Kaiserschmarren oder Apfelstrudel stärken und wärmen von innen.

Dass es anders kommen kann, wissen wir am Freitagmorgen noch nicht. Der Wind hat leicht abgegeben und ein schimmernder Sonnenball zeigt sich durch die grauen Schwaden. Es ist ein rauer Aufstieg, viel Abgeblasenes. Der Wind nimmt zu, die Sicht wird trüb und nah am Übergang bläst Heinz zum Rückzug, führt uns geschickt die Geröllhalde runter, am Hochjochhospiz vorbei und bald mit aufgebundenen Skis auf den Wanderweg hoch über der imposanten Schlucht im strammen Schritt nach Vent. (Im Wanderbuch: «Landschaftlich sehr beeindruckende Wanderung, speziell der Blick in die enge Rofenschlucht, zum Teil mit fixen Seilen gesichert, Dauer 3-4 Stunden».)

Eine Strecke mit dem Bus und als Felix und Urs die Privatautos geholt haben, fahren wir gemütlich ins Pitztal, in unsere B&B-Unterkunft.

Der krönende Abschluss ist die Wildspitze. Mit Liftunterstützung fährt es bei strahlenstem Wetter zum Einstieg beim Gletscher. Im regelmässigen Tempo schlängeln wir uns bis zum Skidepot und dieser Grat ist ein Lollipop verglichen mit der Karlesspitze, obwohl ein fallender Stein mein Ohr zerkratzt. Spürt man auf der Wildspitze nicht mehr, so ein Ausblick und ich wünschte, ich könnte fliegen, von Bergspitze zu Bergspitze. Oh ja, fliegen, nein tanzen und Bogen füdele, das tun wir auf den weiten gut eingeschneiten Gletscherhängen. Es ist ein Jubel für alle und wer die Technik nicht hatte, hier dreht es aber schon. Wir malen Gemälde in den Schnee, Schlangen, Zöpfe, wie die Skilehrer von Arosa. Ein wunderschönes Tal führt uns zurück nach Mandarfen, wo uns Urs mit offenen Armen empfängt. Er hat beim Arzt Medikamente bekommen, Zeit für Besserung.

So die Woche zu beenden ist ein Märchen. Es fällt schwer, die durch alles zusammengebackene liebenswerte Gruppe zu verlassen. Versprochen ist eine Fortsetzung im nächsten Jahr.

Danke euch allen für die unvergessliche Woche.
Susanne Härri

Wenn weiter oben vom «Innen» geschrieben wurde, folgt nun natürlich noch das «Aussen» vom Tourenleiter Urs Müller.

1. Tag
Fahrt mit PW von Liestal nach Obergurgl (1907 m)
Mit der Seilbahn auf die Hohe Mut, Abfahrt zur Schönwieshütte (2266 m)
und Aufstieg zur Langtalereckhütte (2450 m – 1.5 Std.)

 

2. Tag
Besteigung Karlesspitze (3462 m, ca. 8 h) – am Morgen Abfahrt von der Hütte zur Gurgler Ache – Aufstieg durch die imposante sehr enge Schlucht zum Gurgler Ferner und über 6 km flachen Gletscher zum Skidepot der Karlesspitze (5 h) – anspruchsvoller Aufstieg über Südgrat (Grenzgrat A-I) mit aufgebundenen Skis zur Karlesspitze (exponierter Blockgrat eingeschneit, ca. 3 h) – Kurzer Abstieg über SW-Grat bis zum Gletscher – Abfahrt über Schalfferner – Schalfbach bis zum Marzelbach – Aufstieg zur Martin-Busch-Hütte (2501 m – ca.1 h, gesamte Tagesetappe in 11 h).

3. Tag
Besteigung Similaun (3606 m – ca. 5 h) über den Niederjochferner zum Skidepot auf ca. 3450 m, Aufstieg über leichten Nordgrat mit Steigeisen und Pickel zum Gipfel – Abfahrt auf gleicher Route bis zur Martin-Busch-Hütte (ca. 1 h).

 

 

4. Tag
Aufstieg über Ötzi-Fundstelle zum Hauslabjoch (3279 m, ca. 4 h) – Abfahrt über Hochjochferner und Aufstieg zum Schutzhaus Schöne Aussicht (Rif. Bellavista, 2842 m, ca. 1 h).

 

5. Tag
Abfahrt vom Schutzhaus Schöne Aussicht bei starkem Sturm (50 – 70 km/h) und tiefen Temperaturen (bis -15° C) in ca. 3 h (kurzer Gegenaufstieg ab der Brücke über die Rofenache zum Hochjoch Hospiz (2412 m).

6. Tag
Aufstieg vom Hochjoch Hospiz bis unter Mittlere Guslarspitze – Umkehr auf ca. 3’000 m ü.M. wegen schlechtem Wetter, Wind und Schneeverfrachtungen – Abfahrt zum Hochjoch Hospiz und durch das Rofental nach Vent (z.T. zu Fuss mit aufgebundenen Skis) – ab dem Vernagtbach zu Fuss über den schmalen und exponierten Felsenweg zur Talstation der Erschliessungsbahn der Vernagthutte – Fahrt mit Skis zum Rofenhof und über Langlaufloipe nach Vent – Fahrt nach Mittelberg/Mandarfen im Pitztal (1730 m).

 

 

7. Tag
Fahrt mit Pitztaler Stollenbahn (Pitz Express) auf den Mittelbergferner und mit Seilbahn zur Bergstation oberhalb Mittelbergjoch – Abfahrt zum Mittelbergjoch (3166 m) und auf den Taschachferner – Aufstieg über Taschachfernerbis unterhalb Hint. Brochkogel und zum Skidepot am Westgrat der Wildspitze auf 3660 m – Aufstieg zum Gipfel der Wildspitze (3770 m, ca. 3 h) – Abfahrt über Taschachferner und Taschachtal nach Mittelberg (ca. 2’000 m Abfahrt). Anschliessend Rückreise mit PW ins Baselbiet.

Bergführer: Heinz Arnold
Tourenleiter: Urs Müller
Teilnehmende: Andreas, Daniel, Esther, Felix, Gerhard, Judith, Markus, Monika, Susanne
Fotos: Andreas Vizeli, Daniel Graber, Esther Stalder, Gerhard Roth, Markus Jud